ARLAMIEREND: VERLETZENDES VERHALTEN FESTER BESTANDTEIL DES KITA-ALLTAGS

Den meis­ten Kin­dern geht es gut in der Kita. Den­noch geht das, was Stu­di­en regel­mä­ßig zu Tage för­dern, über die Defi­ni­ti­on von “Ein­zel­fäl­len” weit hin­aus. Ver­let­zen­des Ver­hal­ten gegen­über Kin­dern ist an der Tages­ord­nung in der Kita — aller­dings auch im Eltern­haus. In den über­wie­gen­den Fäl­len geschieht dies unbe­wusst und ohne böse Absicht. Die­ser Arti­kel soll daher nicht anpran­gern son­dern sen­si­bi­li­sie­ren. Denn um es mit den Wor­ten der aktu­el­len Initia­ti­ve der Ber­tels­mann-Stif­tung aus­zu­drü­cken: Es geht um jedes Kind!

Es sind erschre­cken­de Zah­len, die eine aktu­el­le bun­des­wei­te Stu­die der Ber­tels­mann Stif­tung in Koope­ra­ti­on mit der Uni­ver­si­tät Gie­ßen erhebt. Die Befra­gung von über 21.000 Fach­kräf­ten ergab, dass ver­let­zen­des Ver­hal­ten in der Fach­kraft-Kind-Inter­ak­ti­on häu­fig an der Tages­ord­nung ist, auch wenn die Erfah­run­gen der Kin­der in der Kita über­wie­gend posi­tiv sind. Der Unter­ti­tel der Stu­die: “Pra­xis zeigt drin­gen­den Hand­lungs­be­darf!

Noch deut­li­cher fällt die Ein­schät­zung der befrag­ten Erzie­he­rin­nen und Kind­heits­päd­ago­gin­nen in Aus­bil­dung aus. Hier liegt der Anteil der­je­ni­gen, die „an den meis­ten Tagen“ oder häu­fi­ger päd­ago­gi­sches Fehl­ver­hal­ten beob­ach­ten sogar bei knapp 38% ! Über die Ursa­chen hier­für lässt die Stu­die kei­ne kon­kre­ten Rück­schlüs­se zu. Es kann aber ver­mu­tet wer­den, dass Aus­zu­bil­den­de und Stu­die­ren­de auf­grund aktu­el­le­rer päd­ago­gi­scher Sicht­wei­sen Situa­tio­nen anders einschätzen.




Der Stu­die beschreibt eben­falls, dass oft kein all­ge­mei­ner Kon­sens dar­über herr­sche, ob eine Situa­ti­on den Schutz der Kin­der über­haupt erfor­dern wür­de und dass die­se Ein­schät­zun­gen oft nur gra­vie­ren­de Fäl­le erfas­se. Die tat­säch­li­che Häu­fig­keit von Fehl­ver­hal­ten wird sys­te­ma­tisch unter­schätzt, da nicht alle Vor­fäl­le über­haupt beob­ach­tet, als gra­vie­rend genug ein­ge­schätzt wer­den und auch Resi­gna­ti­on oder Abstump­fung zu einer tole­ran­te­ren Ein­schät­zung füh­re. Ins­ge­samt gibt es eine nicht quan­ti­fi­zier­ba­re Dun­kel­zif­fer von Fehl­ver­hal­ten gegen­über Kin­dern in der vor­lie­gen­den Stichprobe.

Die Fra­ge, wo ver­let­zen­des Ver­hal­ten gegen­über Kin­dern beginnt, wird im wis­sen­schaft­li­chen Kon­text rela­tiv ein­deu­tig beant­wor­tet. Wenn grund­le­gen­de Bedürf­nis­se wie Respekt, Sicher­heit und emo­tio­na­le Unter­stüt­zung nicht erfüllt wer­den, dies sich in man­geln­der Geduld, Wert­schät­zung oder verbaler/körperlicher Aggres­si­on äußert, ist bereits eine ver­let­zen­de Grenz­über­schrei­tung erfolgt. Die Ver­hal­tens­wei­sen rei­chen von Sub­ti­len bis hin zu offen­sicht­li­cher kör­per­li­cher Gewalt. Bereits ein Augen­rol­len oder ein iro­ni­scher Unter­ton kön­nen als ver­let­zen­des Ver­hal­ten ein­ge­ord­net wer­den. Oder ein schlich­tes Weg­schau­en, wenn jemand ande­res sich sol­cher Ver­hal­tens­wei­sen bedient.

Stress, Über­for­de­rung und Unstim­mig­kei­ten inner­halb des Teams kön­nen Grün­de dafür sein, wenn Mit­ar­bei­ten­de in Kitas im Umgang mit den ihnen anver­trau­ten Kin­dern nicht immer ange­mes­sen reagie­ren. Klar ist jedoch: Sol­che Situa­tio­nen belas­ten auch das gesam­te Team erheb­lich. Auch indi­vi­du­ell wird von einer gro­ßen Belas­tung durch Fehl­ver­hal­ten von Team­mit­glie­dern berich­tet. Doch nicht nur das eige­ne Gewis­sen ver­pflich­tet eigent­lich dazu, NICHT weg zuschau­en, son­dern auch das Gesetz. Wer gra­vie­ren­de Vor­fäl­le beob­ach­tet und nicht mel­det, macht sich unter Umstän­den selbst strafbar.



Gleich­zei­tig erschreckt der Umkehr­schluss: Rund ein Drit­tel der Fach­kräf­te, die ver­let­zen­des Ver­hal­ten gegen­über Kin­dern beob­ach­ten, füh­len sich dadurch eher nicht belastet!

„Schon ein ein­zi­ger Vor­fall, bei dem das Wohl eines Kita-Kin­des mög­li­cher­wei­se gefähr­det ist, ist ein erns­tes Pro­blem – nicht nur für die Eltern, son­dern auch für die Fach­kräf­te. Die meis­ten Mit­ar­bei­ten­den stel­len hohe Ansprü­che an ihre Arbeit und wün­schen sich in sol­chen sen­si­blen Fäl­len Unter­stüt­zung. Dabei ist beson­ders das Ver­trau­en und die Zusam­men­ar­beit im gesam­ten Kita-Team ent­schei­dend“, erklärt Anet­te Stein, Exper­tin der Ber­tels­mann Stif­tung für früh­kind­li­che Bildung.



Aus­rei­chen­de Per­so­nal­aus­stat­tung ist wich­tig, aber allei­ne nicht aus­rei­chend.
Die Befra­gung zeigt außer­dem: In gut besetz­ten Kita-Teams lau­fen die Arbeits­pro­zes­se rei­bungs­lo­ser, wäh­rend unter­be­setz­te Teams öfter mit Schwie­rig­kei­ten kämp­fen. Die Ber­tels­mann Stif­tung und auch der Fach­kräf­te­ver­band RLP haben bereits frü­her dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Unter­be­set­zung, Über­las­tung und hohe Fluk­tua­ti­on im Kita-Bereich einen gefähr­li­chen Kreis­lauf bil­den. „Eine ange­mes­se­ne Per­so­nal­aus­stat­tung ist eine not­wen­di­ge Grund­la­ge für eine kind­ge­rech­te Betreu­ung. Unse­re Daten machen jedoch deut­lich, dass sie nur dann den Schutz und das Wohl­erge­hen der Kin­der ver­bes­sert, wenn sie auch zu einer bes­se­ren Team­ar­beit bei­trägt“, betont Kath­rin Bock-Famul­la, eben­falls Exper­tin für früh­kind­li­che Bil­dung bei der Stiftung.

Die Stu­die unter­streicht, dass päd­ago­gi­sche Fach­kräf­te ihr eige­nes Ver­hal­ten gegen­über den Kin­dern regel­mä­ßig hin­ter­fra­gen und im Kol­le­gi­um sowie mit der Lei­tung bespre­chen müs­sen. Grund­le­gen­de Fähig­kei­ten hier­zu wer­den bereits in der Aus­bil­dung zum staat­lich aner­kann­ten Erzie­her oder zur Erzie­he­rin ver­mit­telt. Der Anteil an Kita-Teams mit einem hohen Anteil ent­spre­chend qua­li­fi­zier­ter Fach­kräf­te ist jedoch seit gerau­mer Zeit rückläufig, 

Mehr Fach­be­ra­tung, bes­se­re Lei­tungs­res­sour­cen und geziel­te Qua­li­fi­zie­rung.
Die Ber­tels­mann Stif­tung emp­fiehlt daher, an meh­re­ren Stell­schrau­ben zugleich zu dre­hen. So soll­ten Fach­be­ra­tungs­an­ge­bo­te für Kitas per­so­nell und zeit­lich aus­ge­wei­tet wer­den, um Teams eine bes­se­re Unter­stüt­zung zu ermög­li­chen – ins­be­son­de­re auch bei gemein­sa­men Refle­xi­ons­pro­zes­sen. For­ma­te, die eine offe­ne Feh­ler­kul­tur und kon­struk­ti­ves Feed­back för­dern sowie kla­re Ver­ein­ba­run­gen zum ange­mes­se­nen Ver­hal­ten schaf­fen, sind eben­falls sinn­voll. Hier­für tra­gen auch die Trä­ger eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung. Gleich­zei­tig ist es zen­tral, den Anteil päd­ago­gisch qua­li­fi­zier­ter Fach­kräf­te in Kitas lang­fris­tig wie­der zu erhö­hen. Sin­ken­de Kin­der­zah­len soll­ten genutzt wer­den, das Fach­kraft-Kind-Ver­hält­nis zu ver­bes­sern und gleich­zei­tig einen qua­li­ta­ti­ven Aus­bau der Betreu­ungs­qua­li­tät zu for­cie­ren — nicht um Kita-Plät­ze zu redu­zie­ren und Per­so­nal­kos­ten einzusparen.

Die Infor­ma­ti­ons­quel­len zum The­ma ver­let­zen­des Ver­hal­ten sind viel­fäl­tig. In einem frü­he­ren Bei­trag hat­ten wir das The­ma bereits auf­ge­grif­fen und zahl­rei­che unter­stüt­zen­de Mate­ria­li­en ver­linkt. Auch auf Lan­des­ebe­ne wur­de das The­ma Kin­der­schutz erst kürz­lich auf­ge­grif­fen, wor­über wir in die­sem Arti­kel berich­tet hat­ten. Ein detail­lier­ter Blick in die aktu­el­le Ber­tels­mann-Stu­die lohnt sich ins­be­son­de­re auch für Fach­kräf­te, Lei­tun­gen und Trä­ger, ent­hält sie doch auch kon­kre­te Handlungsempfehlungen.

Für Inter­es­sier­te, die einen ers­ten Ein­blick in die The­ma­tik auf der “Ton­spur” erhal­ten wol­len, emp­feh­len wir fol­gen­de Pod­casts des IBEBs:

„Ist das schon Gewalt oder noch in Ord­nung?“ Ver­let­zen­des Ver­hal­ten in der Kita erken­nen, reflek­tie­ren und han­deln.
„Mein Kind in Sicher­heit?“ – Ver­dachts­fall eige­nes Kind: wenn Kin­der Gewalt in Kitas erfahren

Kitas sind Orte der Bil­dung. Kin­der soll­ten dort auch eine kon­struk­ti­ve Feh­ler­kul­tur ler­nen. Dies gelingt nur, wenn wir Erwach­se­nen ihnen das vor­le­ben und uns auch sach­lich mit nega­ti­ven The­men aus­ein­an­der­set­zen. Refle­xi­ons­kom­pe­tenz, Schutz­kon­zept, Kin­des­wohl als obers­tes Gebot — all das dür­fen nicht nur Begrif­fe aus der Fach­li­te­ra­tur sein. Die dazu erfor­der­li­chen per­so­nel­len Res­sour­cen bil­den die Grund­la­ge hierfür.